Warum wir als Feminist:innen für die ukrainische Luftverteidigung werben müssen

Warum wir als Feminist:innen für die ukrainische Luftverteidigung werben müssen

Der Text ist auch in Englisch und Ukrainisch verfügbar.

Als Feminist:innen stehen wir Militarisierung kritisch gegenüber. Wir unterstützen nicht die internationale Rüstungs- und Militärindustrie.

Jedoch hat uns Russlands Angriffskrieg gegen unsere Heimat, die Ukraine, in eine Situation gebracht, in der die einzig ethische Entscheidung für uns als Feminist:innen die Unterstützung der Forderung nach mehr Waffen für unser Land ist.

Russlands Kriegsverbrechen haben uns keine andere Wahl als die Unterstützung nach mehr militärischer Hilfe gelassen, um in der Lage zu sein uns zu verteidigen und zu überleben.

Warum brauchen wir mehr Waffen?

Unsere Heimat steht unter Beschuss: auch wenn wir jetzt in Schottland leben, wuchsen wir beide in der Ukraine auf. Unsere Geliebten verweilen dort. Daryas Mutter ist in Kyiv und ihr Vater schloss sich dem bewaffneten Widerstand an. Irynas Eltern wurden zu Geflüchteten.

Russland hat ukrainische Städte dem Erdboden gleichgemacht. Dies ist kein strategischer Beschuss von militärischen Stützpunkten, sondern gnadenlose Morde an Zivilist:innen.

90 Prozent Mariupols wurde von der russischen Armee zerstört. Sie versuchen, die Stadt komplett aus der Welt zu reißen. Der Bürgermeister der Stadt berichtete, dass 21.000 Bewohner:innen ermordet wurden. Russland bombardiert ohne Pausen das Asow-Stahlwerk, wo sich mehr als 2.000 Menschen versteckt halten – inklusive 600 Verletzten.

Nach der Befreiung von Städten und Dörfern im Norden der Ukraine, erfuhr die Welt von den von dem russischen Militär verübten Kriegsverbrechen. Russen vergewaltigten Frauen und Kinder – oft in Gruppenvergewaltigungen. Russen folterten und exekutierten Zivilist:innen. Massengräber wurden in Bucha und Manhush gefunden. Über 500.000 Ukrainer:innen wurden nach Russland deportiert.

Kharkiv wird täglich bombardiert. Daryas Heimatstadt Mykolaiv wird ebenfalls tagtäglich bombardiert – und seit über drei Wochen besteht keine Wasserversorgung. Viele Städte in den Regionen Donetsk und Luhansk, bekannt als Donbas, sind die Epizentren der kriegerischen Auseinandersetzungen. Rubizhne ist zu 70 Prozent zerstört und der Kampf um die Stadt dauert an. Am 3. Mai litten die Regionen um Lviv und Zakarpattya, welche weit weg von den russischen Grenzen und dem Einzugsgebiet der russischen Soldaten liegen, durch Raketenangriffe. Kein Teil der Ukraine ist in diesem Moment sicher. Russische Soldaten begehen ein Kriegsverbrechen nach dem anderen. Sie werden damit weitermachen, wenn wir sie nicht stoppen.

Warum ist dies ein imperialer Krieg?

Es ist unmöglich, die komplette Geschichte der Ukraine und die Geschichte des ukrainischen Widerstands gegenüber Russland hier zu erklären. Aber einige Punkte sind wichtig, um den Kontext Russlands imperialen Krieges gegen die Ukraine zu verstehen.

Zunächst hat Russland die Ukraine über Jahrhunderte in einen sehr bestimmten politischen, ökonomischen und kulturellen Raum gedrängt. Russland hat die Ukraine als unterlegen, kleines Russland und koloniales “Andere” konstruiert. Putin hat in seiner Rede vom 21. Februar 2022 behauptet, die Ukraine sei kein echtes Land. In der gesamten Welt haben indigene Gruppen diese Art der Gewalt und bewusste Verleumdung durch Kolonialmächte erlebt.
Russland Krieg gegen die Ukraine ist nicht nur ein Angriff auf das Land und Souveränität – und es begann nicht erst 2014 mit der Annexion der Krim oder der Besetzung von Gebieten des Donbas. Russland führt seit jahrhunderten einen langwierigen kolonialen Krieg gegen die Ukraine, um uns als Volk, Gesellschaft und Kultur zu vernichten.

Pazifismus

Unser Verständnis von Feminismus ist ein aktiver und intersektionaler Kampf, um alle Formen der Unterdrücken zu beseitigen. In unserem Verständnis von Feminismus geht darum, Unterdrückten im Überleben zu helfen. 

Der Krieg in der Ukraine hält uns eine sehr bestimmte Form der Unterdrückung vor Augen: Russlands Imperialismus stellt eine existenzielle Bedrohung für unser Heimatland dar.

Für uns Beginnt die Beseitigung russischer Unterdrückung im Widerstand. Dieser Widerstand ist von bodenständigen Natur: Es beginnt mit dem Recht, uns vor den Raketen und Bomben, die das russische Militär über unseren Himmel auf uns schießt, zu verteidigen. Die Bürger:innen der Ukraine haben immensen Mut in der Verteidigung ihres Landes und im Widerstand gegen Unterdrückung bewiesen. Jedoch wird Mut alleine uns nicht länger schützen können. Mit jedem Moment wird uns klarer, dass wenn wir wollen, dass die Ukraine weiterhin fähig sein soll, Widerstand zu leisten, und wenn wir wollen, dass die brutalen Morde an Zivilist:innen enden, dann müssen wir die Forderung und Lieferung nach mehr Luftabwehrwaffen unterstützen.

Nach militärischer Unterstützung zu rufen war keine einfache Entscheidung für uns. Gleichzeitig setzt eine pazifistische Haltung die andauernde Gewalt fort. Pazifismus tötet. Tatenlosigkeit tötet. Jeder Tag in diesem Krieg kostet mehr und mehr Leben – nicht nur menschliches, sondern auch anderer Art. Denn ein ganzes Ökosystem steht unter Beschuss.

Was wir brauchen, ist eine empathische und engagierte Reaktion auf die ungerechte Behandlung von Menschen. Eine Reaktion, die vor Wut und Solidarität pulsiert. Zögern, mehr Waffen für die Ukraine zu fordern, bedeutet, die Aufrechterhaltung von Kriegsverbrechen aus dem Privileg der eigenen Sicherheit heraus zu unterstützen.

Es gibt keine klare Blaupause für die Ausübung ethischer Politik. Aber in diesem Moment reicht humanitäre Hilfe nicht aus. Im Fall der Ukraine ist es jetzt keine abstrakte ethische Frage der Unterstützung von Militarisierung. Es ist eine Frage von Leben oder Tod. Es geht darum, den Menschen vor Ort zu erlauben, sich selbst zu verteidigen und Zivilisten vor dem ständigen Beschuss durch Russland zu schützen.

Zu guter Letzt fordert feministische Ethik eine kollektive Verantwortung, stets dem Opfer zu helfen. Die militärische und zivile Mobilisierung des Bewohner:innen der Ukraine betont diese klare Kluft zwischen dem Opfer – den ukrainischen Völkern, das in seinen Häusern gewaltsam angegriffen wird – und dem Aggressor Russland, das brutale Kriegsverbrechen gegen ein friedliche und souveräne Völker begeht. Dieser Konflikt ist Schwarz und weiß, und die Welt hat die Verantwortung, den Menschen in der Ukraine zu helfen, sich zu verteidigen.

Was kannst Du jetzt tun?

Auf lange Sicht verpflichten wir uns weiterhin antikapitalistische, antiimperiale und intersektional-feministische Solidarität aufzubauen. Jetzt rufen wir Euch dazu auf, politischen Druck auf westliche Regierungen auszuüben, damit sie der Ukraine in kürzester Zeit maximale militärische Unterstützung zukommen lassen.

Wenn Ihr eine Demonstration oder eine Kampagne für die Ukraine organisieren, denkt bitte daran, die Frage nach der Militärhilfe für die Ukraine zu stellen. Das Gespräch über Waffen ist schwierig, daher bitten wir Euch, mit Euren Freund:innen zu sprechen und diesen Artikel zu teilen. Wir haben Videodiskussionen über Militärhilfe organisiert – fühlt Euch frei sie anzuschauen und zu teilen. Wir bitten Euch auch, Euren Regierungsvertreter:innen zu schreiben, und wir schlagen hier einige Ideen vor, was benannt werden sollte:

  • die Ukraine mit Luftabwehrausrüstung zu versorgen, insbesondere mit solchen, die es ermöglichen würden, in der Nacht und bei schlechter Sicht auf Jets (oder Flugzeuge) in großer Höhe zu zielen;
  • die Ukraine mit Kampfflugzeugen zu beliefern und ukrainische Pilot:innen für den Betrieb neuer Jets auszubilden;
  • Versorgung der Ukraine mit Langstrecken-Artillerie-Raketenkomplexen und mehreren Raketenwerfern;
  • Versorgung der Ukraine mit unbemannten Luftfahrzeugen (Drohnen), um sie bei ihrem Kampf vor Ort zu unterstützen;
  • Versorgung der Ukraine mit Panzern und gepanzerten Kampffahrzeugen;
  • Versorgung der Ukraine mit Schiffsabwehrwaffen;
  • der Ukraine logistische Unterstützung beim Transport der Waffen in das Land und durch das Land zu leisten;
  • Versorgung der Ukraine mit Treibstoff, da Russland beharrlich Öllager angreift, um der Ukraine Treibstoff zu entziehen;
  • die Ukraine mit Schutz gegen biologische und chemische Waffen zu versorgen;
  • so schnell wie möglich mit der Ausbildung des ukrainischen Militärs zu beginnen, damit es neue Waffen einsetzen kann;
  • den Kauf von russischem Öl und Gas durch ein Embargo zu verbieten;

Nur gemeinsam können wir die russische Unterdrückung beenden und die Ermordung von Zivilist:innen in der Ukraine stoppen. Die Menschen in der Ukraine kämpfen bereits mit aller Kraft. Lass uns in diesem Kampf nicht allein – hilf uns, die Werkzeuge zu bekommen, um uns zu verteidigen.

Darya Tsymbalyuk und Iryna Zamuruieva
Übersetzt von Daniel Heinz (@daniel_heinz28)